Unter dem silbernen Mond

Veröffentlicht in Magic Story on 2. März 2016

Von Kimberly J. Kreines

Kimberly J. Kreines is a creative designer new to the Magic team. But neither playing Magic nor writing are new to her. She has a penchant for dragons, the Oxford comma, and chicken tikka masala. In her opinion, all three are equally delightful.

Halana und Alena leben als Fährtenleserinnen, Jägerinnen und Wächterinnen tief im dunklen Forst am Rand der Provinz Kessig – in jenem Forst, den man den Ulvenwald nennt. Innistrads uralter Forst ist ihr Reich, und lange standen sie als Bollwerk zwischen den Unschuldigen jenseits seiner Grenzen und den Schrecken in seinem Innern. Doch neuerdings beginnt sich im Wald etwas zu regen ...


„Kennt ihr das Gefühl? Dieses Schaudern?“ Bauer Warin stand vor dem langen Tisch der Ältesten, neben sich seine rundliche Frau, deren Augen weit aufgerissen waren. Beide hatten den Ältesten den Rücken zugekehrt, um sich den Bürgern von Gatztow zuzuwenden, die sich in den beengten Räumlichkeiten des Gemeindehauses versammelt hatten. Halana saß neben Elena auf dem Stuhl am dichtesten an der Tür und beobachtete die Vorgänge.

„Als würde einem ein Käfer den Nacken hinaufkrabbeln.“ Warin schauderte, als er sprach. „Geradewegs vom Haaransatz aus hoch auf den Kopf.“

Bild von Nils Hamm

Es war schon eigenartig, dachte Hal, dass er ausgerechnet heute von diesem Gefühl sprach. Bis zu diesem Morgen hatte sie noch nie zuvor jemanden von so etwas reden hören und nicht einmal gewusst, dass eine solche Empfindung überhaupt möglich war. Sie war damit erwacht: Etwas kitzelte sie am Nacken und kroch ihr den Hals hinauf. Es hatte ihr eine gewisse Unruhe beschert, was für sich genommen bereits ausgesprochen merkwürdig war. Daher war auch der schiere Umstand, dass jenes Gefühl, das sich mit ihr aus ihrem Bett in ihrem Lager, durch den Wald und bis in diese Siedlung hineingeschlichen hatte, so bald schon erneut Erwähnung fand, seltsam genug, dass er einen neuerlichen Anflug dieser Empfindung auslöste. Sie unterdrückte ein eigenes Schaudern.

„Es ist so deutlich, dass man nicht umhinkommt, sich zu fragen, ob da wirklich etwas ist, wisst ihr?“ Bauer Warin kratzte sich eifrig am Hals. Als sie ihn dabei ansah, bemerkte Hal, dass sie das Gleiche tat. Sie faltete beide Hände im Schoß. „Etwas Schreckliches könnte einem unter die Haut gefahren sein und man würde es nicht einmal merken!“

Viele der Einheimischen zuckten zusammen und rutschten verunsichert auf ihren Stühlen herum, während sie sich ebenfalls zu kratzen begannen.

„Ja, ja.“ Der Älteste Kolman wedelte mit der feisten Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen. „Wir alle kennen das Gefühl, Warin, doch was hat das damit zu tun, dass du heute hier vor den Rat getreten bist?“

„Alles!“ Bauer Warin drehte sich um, um alle anwesenden elf Ältesten anzusehen. Üblicherweise waren es zwölf, aber die Älteste Somlon war mit dem zweiten Tag der Begräbnisrituale beschäftigt, die Frau Maria in den Heiligen Schlaf führen sollten. „Wegen dieses unheimlichen Gefühls weiß ich auch, dass ich recht habe!“

„Recht womit, Warin?“, fragte der Älteste Kolman.

„Nun spuck‘s schon aus!“, polterte der Älteste Glather.

„Eine unserer Kühe ist besessen!“ Das Weib des Bauern schien sich nicht länger beherrschen zu können. „Sie ist wahnsinnig geworden! Mitten in der Nacht. Und sie hat die andere gefressen! Aber vorher hat sie sie erst noch über die halbe Weide geschleift. Ich habe die Spuren mit eigenen Augen gesehen. Kaum auszumalen, was das arme Tier erduldet haben muss. Und dann hat die wahnsinnige Kuh sie einfach aufgefressen. Außer Knochen und Zähnen hat sie nichts übrig gelassen.“

Einige der versammelten Städter schnappten entsetzt nach Luft.

„Und woher weißt du, dass die erste Kuh die zweite gefressen hat?“, fragte der Älteste Kolman mit geheuchelter Geduld.

„Ich habe heute Morgen mit eigenen Augen das Blut an ihrem Maul gesehen!“

Noch mehr entsetztes Luftholen.

Hal blickte zu Alena. Sie brauchten keine Worte, um sich zu verständigen. Sie beide wussten, dass der Hof der Warins am Rand der Siedlung lag. Sie beide wussten, dass er an den Ulvenwald angrenzte. Und sie beide wussten, welche Bestien sich erst unlängst wieder in ihrem Wald umtriebig zeigten und welches Unheil damit drohte. Binnen nur eines halben Mondes hatten Hal und Alena jeder drei Lykanthropen erlegt und zudem gerade erst in der letzten Nacht gemeinsam ein ganzes Rudel ausgehoben – ein kleines zwar, aber eben dennoch ein Rudel. Doch diese Begegnungen hatten weit genug von Gatztow entfernt stattgefunden, als dass man sich deswegen hätte beunruhigt zeigen müssen: Hal war einem fernen Heulen auf halber Strecke des Laubenwegs gefolgt und Alena am Schnackhügel auf die Pirsch gegangen. Nun indes verrieten die Blicke, die sie wechselten, dass es Grund zu der Annahme gab, dass die Bestien übermütig wurden und sich langsam einen Weg zu den Rändern des Waldes bahnten – und damit zu den Städten und zu den Menschen. Das war nicht hinnehmbar. Der Ulvenwald war Alenas und Hals Reich, und sie würden nicht zulassen, dass seine finsteren Schrecken aus ihm hervorbrachen, um den Unschuldigen Leid anzutun.

„Unsere Talismane!“ Das Aufheulen von Warins Weib lenkte Hals Aufmerksamkeit wieder in den vorderen Bereich des Raums. „Sie hat unsere nutzlosen Talismane angefertigt!“ Die Bäuerin streckte vorwurfsvoll einen Finger aus und deutete auf Frau Evelin, die nach Luft schnappte und nach dem Talisman um ihren Hals griff. „Sie hat sie angefertigt und sie haben versagt!“

„Es kann nicht an den Talismanen gelegen haben!“ Der Mann neben Evelin sprang auf, um ihr beizustehen. „Frau Evelin stellt die besten und wirkungsmächtigsten Talismane her, die dieser Ort – nein, dieses ganze Land – jemals gesehen hat!“

„Ruhe!“, rief der Älteste Kolman und haute mit der fleischigen Faust auf den Tisch. Man schenkte ihm jedoch keinerlei Beachtung.

„Wie erklärt ihr euch dann die besessene Kuh?“, trumpfte die Warin auf. „Die Spuren, die zeigen, dass sie die andere um unseren Hof herumgezerrt hat? Die Knochen, die sie zurückließ, nachdem sie sich den Wanst vollgeschlagen hatte?“

„Jawoll!“, rief jemand von hinten.

„Die Talismane haben versagt“, fiel eine andere Stimme ein.

„Daran kann es keinen Zweifel geben: Die Talismane haben versagt und unsere Kuh war besessen.“ Dass sich so viele Bürger um sein Banner scharten, schien Bauer Warin neuen Mut geschenkt zu haben. „Wir sind die Opfer der Nachlässigkeit von Frau Evelin.“ Er hielt seinen eigenen Talisman hoch und beschwor die Ältesten und den Rest der Einheimischen gleichermaßen: „Wir können keine weitere Nacht ohne einen richtigen Talisman verbringen.“

Bild von Kev Walker

Zustimmendes Raunen ertönte.

Es war für Hal nur nachvollziehbar, dass die Bürger schlechten Talismanen die Schuld für die Ereignisse gaben. Dass sie glaubten, dass ihre Kuh von einem bösen Geist besessen war. Dies waren Dinge, die sie verstanden. Dies waren Dinge, die sie verhindern konnten. Dinge, die nicht jenes zerbrechliche Gleichgewicht bedrohten, das ihrem Glauben nach in ihrer Welt herrschte. Sie lebten nicht in derselben Wirklichkeit wie Alena und Hal. Die Städter sahen nicht, was in der Dunkelheit und in den Wäldern geschah. Sie lebten in einer Welt, die vom Licht des Engels Avacyn behütet war. Sie glaubten, vor Dingen wie Werwölfen sicher zu sein. Doch selbst in Avacyns Welt waren die Werwölfe nie vollständig ausgerottet gewesen. Es gab seit jeher Lykanthropen im Ulvenwald, wenn auch in beträchtlich geringerer Zahl. Hal und Alena wussten das. Sie hatten das fremdartige Heulen der Lykanthropen gehört, das durch die Bäume drang und das in den finstersten Ausläufern des Forsts gleichsam ein fester Bestandteil der Szenerie war.

Bei dem Gedanken an jenes Heulen rutschte Hal unruhig in ihrem Stuhl hin und her, während das unbehagliche Gefühl in ihren Nacken zurückkehrte. Ein Heulen war es, was sie gehört und was die ungebetene Empfindung überhaupt erst hervorgerufen hatte. Zuerst hatte sie geglaubt, es nur geträumt zu haben. Der Kampf mit dem Rudel in jener Nacht hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Es war schon einige Zeit her gewesen, dass sie und Alena einem ganzen Rudel gegenübergestanden hatten. Und es war schon einige Zeit her, dass sie so vielen Lykanthropen in so kurzer Zeit begegnet waren. Als sie im Bett gelegen hatte, hatte Hal ihre Mäuler, ihre Muskeln und ihre Läufe vor sich gesehen, und insofern war sie nicht überrascht gewesen, dass sie beim Erwachen geglaubt hatte, ein Heulen zu hören.

Doch nun, da sie die weit aus den Höhlen hervorquellenden Augen von Warins Weib sah, sorgte sie sich, dass dieses Heulen nicht nur in ihrem Kopf und mehr als bloß eine Erinnerung oder ein Traum gewesen war: das Geräusch einer wirklichen und leibhaftigen Bestie. Genau jener Bestie, die es gewagt hatte, diese Ortschaft zu betreten und sich an Warins Vieh gütlich zu tun. Dies durfte kein zweites Mal geschehen. „Wollen wir?“, formte Alena mit den Lippen.

Ihre Miene hellte sich auf, denn das Feuer der Jagd war in ihr bereits entzündet.

Gemeinsam standen sie auf. Hals Finger kribbelten vor Spannung und ihr Blick war fest auf den Griff der nahen Tür gerichtet – jene Tür, die im nächsten Wimpernschlag aufflog.

Der Schankwirt Shoran und seine Gattin Elsa stürmten in den Gemeindesaal.

„Läutet die Stadtglocke!“, rief Elsa.

„Sie ist fort“, sagte der Schankwirt.

„Sie ist tot!“, fügte Elsa hinzu. „Er hat sie umgebracht!“

Sämtliche Ordnung, die der Älteste Kolman in den letzten Augenblicken mühsam wieder hatte herstellen können, war aufs Neue dahin. Die Städter heulten und kreischten und sprangen von ihren Stühlen auf.

„Oh, das arme Mädchen“, klagte Elsa. „Überall war Blut. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er ihr alles angetan hat. Ich wusste ja, dass er ein verkommener und bösartiger Mann ist. Schon von dem Augenblick an, als sie diese Stadt und die Schänke betraten, wusste ich es.

„Die Palters“, flüsterte Hal Alena zu.

Alena nickte bestätigend.

Es war unübersehbar, wer die Opfer und die Beschuldigten waren: die Palters aus Gaven. Sie waren derzeit die einzigen Gäste in der Schänke und noch dazu die einzigen, die in den letzten drei Monden dort überhaupt eingekehrt waren. Hal und Alena waren selbst erst vor einer Woche auf den Katharer und seine Gattin gestoßen, wie sie die tiefen Pfade des Ulvenwalds in der Nähe des Laubenwegs entlangwanderten. Natürlich hatten Hal und Alena ihnen geholfen und natürlich hatten sie die beiden aus dem verwunschenen Forst nach Gatztow geleitet und sich dabei nicht weniger als drei Wölfen, eines Ghuls und einer besessenen Eiche erwehrt.

Bild von Jaime Jones

Hal lächelte bei dem Gedanken daran, wie flink Alena sich des Baumes entledigt hatte. Die äußerst kundige Fährtenleserin hatte im Lauf des letzten Jahres ihre Fertigkeiten als zupackende Ringerin derart beachtlich verbessert, dass Hal nicht überrascht gewesen wäre, wenn sie auch völlig allein mit einem gewaltigen Skaab fertig würde.

Die Palters hatten Hal und Alena freundlich gedankt – oder zumindest Herr Palter, denn seine zierliche Gattin war ob der Gefahren beim Durchqueren des dunklen Walds so verängstigt gewesen, dass sie sich regelrecht in ihren Reitmantel verkrochen und dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Palter, der erklärt hatte, ein Katharer aus dem Lunarch-Rat zu sein, bestand darauf, Hal und Alena ein Schutzamulett auszuhändigen, von dem er behauptete, es selbst viele Male eingesetzt zu haben, um ihn bei seinen Pflichten als Wächter des Mausoleums zu unterstützen. Hal und Alena hatten den Gegenstand höflich entgegengenommen, aber er hatte nur wenig Bedeutung für sie. Sie glaubten nicht, solcherlei Tand zu brauchen – nicht, wenn sie einander hatten.

„Läutet die Glocke!“, forderte Shorans Gattin ein weiteres Mal. „Ein Mörder treibt in unserer Stadt sein Unwesen!“

Hal hätte keinen der beiden Palters je für einen Mörder gehalten. Der Katharer war freundlich und seine Gattin äußerst gefällig, auch wenn sie etwas zerbrechlich wirkte. Könnte auch dies der Lykanthrop gewesen sein? Es hatte ganz den Anschein.

„Komm schon“, zischte Alena und deutete auf die nicht länger versperrte Tür. Die beiden Schankleute waren tiefer ins Getümmel hineingelaufen und nun von Städtern umringt, die nach weiteren Einzelheiten der grausamen Geschehnisse gierten.

Hal und Alena schlüpften flink durch die Menge, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie waren wohl bewandert darin, sich unauffällig zu bewegen, und mit zwei schnellen, behänden Schritten zur Tür heraus und auf der Pflasterstraße.

„Also er –“, setzte Hal an.

„Oder sie“, sagte Alena.

„Ja. Oder sie“, fügte Hal hinzu. „Das könnte das Werk eines Rudels gewesen sein. Eines weiteren Rudels ...“, sinnierte sie. „Das wären dann zwei Rudel ziemlich dicht beieinander in nur einer einzigen Nacht. So etwas ist schon recht lange nicht mehr vorgekommen.“ Sie warf Alena einen Blick zu, den diese nicht erwiderte, so versunken war sie in ihre eigenen Gedanken. „Wie auch immer“, fuhr Hal fort. „Der einzelne Lykanthrop oder das Rudel griffen mindestens zweimal in der letzten Nacht innerhalb der Grenzen Gatztows an. Einmal die Kuh auf dem Hof der Warins.“

„Und einmal Frau Palter in der Schänke der Shorans.“

Hal hielt unvermittelt inne und schlug die Hände vor den offenen Mund. Gerade war ihr etwas klargeworden.

„Was ist?“, fragte Alena über die Schulter.

„Es ist bestürzend. So viel steht fest.“ Hal beeilte sich, um zu Alena aufzuschließen. „Die Städter liegen zwar falsch mit ihren Vermutungen über eine besessene Kuh, doch sie lagen gar nicht so falsch, was den Mörder von Frau Palter anbelangt.“

Alena legte fragend den Kopf schief.

„In der Schänke“, wiederholte Hal Alenas Worte.

„In der Schänke ...“, sagte Alena. Hal konnte es hinter ihrer Stirn arbeiten sehen. „Im Zimmer der Palters ... Hinter einer verschlossenen Tür.“

„Ohne dass ein zerschlagenes Fenster oder Spuren eines Einbruchs erwähnt worden wären“, sagte Hal.

Im Gleichschritt änderten sie die Richtung und rannten zur Schänke der Shorans.


Die Glocke der Stadt läutete beständig weiter, weit länger, als dass sie damit als irgendeine Art von Alarm von Nutzen gewesen wäre.

Dem Geräusch nach zu urteilen, so schien es Hal, hatte Elsa Shoran das Seil selbst in die Hände bekommen, das sie wohl dem Glockenläuter entwunden haben musste. Sollte dies der Fall sein, dann umso besser: Die Ältesten wären dann nun ihrerseits damit beschäftigt, Elsa das Seil wieder zu entwinden, wodurch Hal und Alena mehr Zeit blieb, die Zimmer der Palters zu durchsuchen.

Sie schlichen sich am Tresen im Eingangsbereich vorbei und den daran anschließenden Flur entlang. Hal nickte in Richtung der einzigen Tür, die einen Spalt breit offen stand – zweifellos hatten der aufgelöste Schankwirt und seine Gattin sie nicht wieder geschlossen, nachdem sie entdeckt hatten, dass es an diesem Ort zu einem Mord gekommen war. Hal betrat den Raum als Erste, Alena folgte ihr. Keine rührte die Tür an.

Der metallische Geruch nach Blut stach Hal bereits beim ersten Atemzug in der Kehle. „Hier entlang“, flüsterte sie und ging an einem umgekippten Stuhl in dem kleinen Vorraum vorbei und nach hinten in Richtung des spärlich beleuchteten Schlafzimmers. Sie spürte Alenas Anspannung. Obwohl die Kerzen gelöscht und die Vorhänge zugezogen worden waren, gab es genug Licht, dass sie beide die Blutlache am Boden erkennen konnten. Alena, so wusste Hal, war nicht aus Furcht angespannt. Sie war nicht die Art von Mädchen, die sich vor dem Anblick von Blut ängstigte. Die Ruhe war ihre Art, ihre Sinne zu schärfen. Hal hatte viele ihrer eigenen Fähigkeiten im Fährtenlesen allein dadurch gelernt, dass sie Alena beobachtet hatte. Sie ahmte Alena nun nach und blieb ihrerseits still stehen, damit sie mehr der Hinweise in ihrer Umgebung in sich aufnehmen konnte. Während sie die große, dunkle Lache betrachtete, kreisten ihre Gedanken um die Frau, der dieses Blut gehört hatte. Hal erlaubte ihren Gedanken nur einen Augenblick, bei ihr zu verweilen, und in diesem einen Augenblick gestattete sie sich, Schmerz und Mitleid für Frau Palter zu empfinden. Sie war eine Unschuldige, der das Leben von jemandem geraubt worden war, dem sie voll und ganz vertraut hatte. Hal schaute kurz zu Alena hoch. Wie entsetzlich diese letzten Augenblicke gewesen sein mussten. Wie schrecklich die Erkenntnis. Doch sie dufte sich nicht derart tristen Überlegungen hingeben. Das würde nur der Aufgabe schaden, die sie nun als Nächstes beginnen mussten.

Vorsichtig, um die Blutlache nicht zu berühren, ging Hal am Rand des kleinen, rechteckigen Zimmer entlang und schritt es einmal im Uhrzeigersinn ab. Alena wählte die entgegengesetzte Richtung. Drei Hinweise fanden sich sofort: ein zerrissenes Stück Spitze, eine umgestoßene Kerze in einer Pfütze ihres eigenen Wachses sowie ein silberner Knopf. Der Knopf war es auch, der Hals Aufmerksamkeit fesselte. Als sie das Zimmer einmal abgegangen war und wieder mit Alena zusammentraf, wies sie dorthin, wo er in der Nähe des Blutes am Boden lag. „Sag es mir, falls ich mich irre“, meinte sie. „Aber trug Katharer Palter nicht eine grüne Weste mit drei Knöpfen wie diesem hier, als wir ihn im Wald trafen?“

Alenas Blick war düster. „Ich fürchte, dein Erinnerungsvermögen ist so unbestechlich wie immer.“

„Dann ist es also wahr“, sagte Hal. „Seine Verwandlung fand in diesem Raum statt. Er tötete seine eigene Gattin und floh dann über den Hof der Warins, wo er erneut einen Happen zu sich nahm, um danach im Wald zu verschwinden.“

„Es hat ganz den Anschein“, sagte Alena. Hal konnte jedoch an ihrer Stimme hören, dass sie nicht überzeugt war. Nicht restlos.

„Was ist?“, fragte Hal. „Was ist dir aufgefallen?“

Alena deutete auf die Blutlache. „Ich komme nicht umhin, mich zu fragen: Das Blut ist hier – so viel davon auf dem Fußboden –, aber was ist mit den Knochen, den Fleischfetzen, dem Haar und dem Stoff? Mit den Dingen, die die Bestie nicht verschlungen haben würde?“

Hal machte einen Schritt zurück und versuchte, alles noch einmal unvoreingenommen zu betrachten. Alenas Frage war wichtig. Doch ehe Hal eine Antwort finden konnte, zog etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Hinter Alena befand sich eine Schranktür, die gerade so weit geöffnet war, dass Hal erkennen konnte, was sich dahinter befand. Bei dem Anblick schlug Hals Herz schneller. Alena bemerkte es sofort. Sie runzelte die Stirn und warf danach einen Blick über die Schulter. Beide starrten für eine lange Zeit in den Schrank hinein. In ihm stand ein Stuhl. Es war ein ganz gewöhnlicher Stuhl – abgesehen davon eben, dass er in einem Schrank stand. Doch dies allein wäre noch kein Grund zur Beunruhigung gewesen und hätte Hals Herz nicht dazu veranlasst, wie wild gegen ihre Brust zu hämmern. Es waren die Lederriemen und Gürtel, die von dem Stuhl herunterhingen – mehr als ein Dutzend in allen möglichen Längen, zerrissen und zerfetzt –, die sie hatten aufmerken lassen. Und es gab drei Schlösser, eines auf der Sitzfläche des Stuhls und zwei am Boden.

„Damit steht es fest“, sagte Alena.

„Er wusste es“, sagte Hal.

„Natürlich tat er das.“ Alenas Stimme war schneidend. „Wir müssen ihn aufhalten. Wir sollten –“

Doch sie konnte ihren Gedanken nie zu Ende bringen, denn in einer geschmeidigen Bewegung legte Hal ihr den Arm um die Taille, zog sie sich an die Brust und in die Schatten hinein. Gemeinsam verharrten sie dort mucksmäuschenstill. Sie waren mit dieser Art des Versteckens so sehr vertraut, dass ihr Atem sich instinktiv anglich und flach und geräuschlos wurde, damit er selbst für die scharfsinnigsten Kreaturen nur noch schwer wahrzunehmen war.

Es war die Stille gewesen, die Hal aufgeschreckt hatte. Oder zumindest das Fehlen jenes Lärmens, das bis eben gerade unablässig zu hören gewesen war. Die Glocke wurde nicht länger geläutet. Das bedeutete, dass die Untersuchung des Mordes begonnen hatte. Widerhallende Schritte und gedämpfte Stimmen bestätigten es: Die Bürger Gatztows waren auf dem Weg zum Tatort und damit zu ebenjenem Raum, in dem sich Hal und Alena nun in eine Ecke drückten.

Das Quietschen der Tür zur Schänke verriet Hal und Alena, dass sie nicht den gleichen Weg hinausnehmen konnten, auf dem sie hereingekommen waren. Zumindest nicht, ohne Verdacht zu erregen. Sie hatten es sich zur festen Regel gemacht, den Bewohnern solcher Ortschaften wenn irgend möglich aus dem Weg zu gehen. Die Einheimischen duldeten Hal und Alena. Sie duldeten die Gegenwart der Fährtenleser in Gatztow, wann immer die beiden in die Stadt kamen, weil sie Besuchern und Einheimischen bei ihren Reisen durch den Ulvenwald halfen. Gleichzeitig jedoch wussten die Städter, dass Hal und Alena im dunklen Forst lebten, und aus diesem Grund wurden sie als „die Anderen“ betrachtet. Man warf ihnen Blicke zu, tat ungeheuerliche Vermutungen mit flüsternder Stimme kund und murmelte im Vorbeigehen Gebete. Hal nahm in den Witterungen derer, in deren Nähe sie kam, Furcht und Ablehnung zu gleichen Teilen wahr. Es würde kaum etwas Gutes daraus erwachsen, von ihnen am Ort eines Verbrechens angetroffen zu werden.

Alena nickte zu dem Fenster am hinteren Ende des Schlafzimmers, jenes, das auf die Straße hinausging. Hervorragend. Hal lächelte ob Alenas stets verlässlicher Anpassungsfähigkeit, die sie aus allerlei brenzligen Lagen zu befreien wusste. Auf ihrem Weg hinaus schloss Hal sorgsam und leise die Tür zu dem Schrank. Es gab keinen Grund, dass die Einheimischen das Ding darin sahen. Es hätte sie nur verängstigt und erschüttert. Und es gab keinen Grund, solcherlei Furcht anzufachen, wie sie zweifellos durch den kleinsten Hinweis auf die Anwesenheit eines Lykanthropen entstehen würde. Die Menschen mussten nicht glauben, dass sie gejagt wurden, denn das wurden sie auch nicht. Hal und Alena würden sich um diese Sache kümmern. Sie würden die Unschuldigen beschützen. Es war an ihnen, mit dem Ulvenwald und seinen Bedrohungen fertigzuwerden. Und das würden sie.

Sie öffneten das Fenster genau in jenem Augenblick, als die äußere Zimmertür aufgestoßen wurde. Das Kratzen von Holz auf Holz, als sie das Fenster danach rasch wieder schlossen, wurde von schweren Schritten und aufbrausenden tiefen Stimmen übertönt, als die Ältesten und einige andere Städter ins Zimmer strömten. Hal und Alena kletterten zur Gasse hinunter, ohne dass einer der Einheimischen etwas davon ahnte.


Sie hatten nicht viel Zeit. Die Sonne senkte sich schon dem Horizont entgegen, als sie ihr Lager tief im Ulvenwald erreichten. Jede legte schnell und geschickt ihr Silber an. Natürlich trugen sie stets eine kleine Klinge bei sich – es wäre töricht gewesen, gänzlich unvorbereitet zu sein –, doch bis vor Kurzem schien es keine Notwendigkeit für eine zusätzliche Bewaffnung gegeben zu haben. Nun sahen beide einen Grund, beinahe alles mitzunehmen, was sie hatten: Pfeile mit versilberten Spitzen, Schwerter, Speere und Dolche. Das Metall leuchtete voll Macht.

Nachdem sie sich ausgestattet hatten, verließen sie ihr Lager wieder. Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch das Labyrinth aus Dornenhecken, die Hal als Schutz um ihr Zuhause gepflanzt hatte, und machten sich auf in den dunklen Wald.

Alena war die Erste, die Katharer Palters Fährte aufnahm. Sie war oft die Erste, die einen Geruch witterte. Ihre Nase – wenn auch klein und so vollkommen rund, dass ihre gesamte Miene erstrahlte, wenn Alena lachte – war fein und untrügerisch. Ihre Fähigkeit war gut ausgebildet. Hal fand den Geruch nur Augenblicke später, erkannte ihn aus dem Zimmer in der Schänke wieder und sah einen Wimpernschlag danach die Fußspuren. Die Fährtenleserinnen pirschten dem mordlüsternen Lykanthropen nach.

Seine Spuren führten um die knorrigen Bäume herum und verrieten ihnen, dass er sich entweder verirrt oder – was wahrscheinlicher war – mit sich und dem Tier in seinem Inneren gerungen hatte. Hal vermutete, dass es ebenjenes Ringen war, das ihn dazu getrieben hatte, Gaven zu verlassen. Er musste auch dort getötet haben. Wahrscheinlich mehr als einmal. Doch als er sich des Grauens, das er verursacht hatte, gewahr geworden war, hatte er jenen Menschen, deren Leben er aufs Schrecklichste beeinflusst hatte, mit Sicherheit nicht mehr unter die Augen treten können. Also war er geflohen. Das war kein ungewöhnliches Verhalten. Nicht für einen Lykanthropen. Ungewöhnlich war, dass er seine Gattin mitgenommen hatte. Die arme Seele. Hal konnte dieses Verhalten nicht mit jenem Eindruck von Freundlichkeit und Mitgefühl in Einklang bringen, den sie von Palter erhalten hatte, als sie im Wald auf das Ehepaar gestoßen waren. Sie wollte den Katharer nicht vorverurteilen. Womöglich hatte er vorgehabt, Frau Palter in der Sicherheit einer neuen Siedlung zurückzulassen, weit weg von jeglichem Misstrauen, das ihr wegen seiner Handlungen entgegenschlagen könnte. Irgendwo, wo er glaubte, dass sie eines Tages einen Neuanfang wagen und glücklich werden könnte. Vielleicht hatte er vorgehabt, sich danach im Wald zu verstecken ... oder Schlimmeres. Sie stellte sich vor, dass es das war, was sie tun würde, wenn der Fluch – nicht auszudenken! – jemals sie befallen sollte. Sie wollte und konnte Alena nicht in Gefahr bringen. Sie würde fortgehen. Sie hätte keine andere Wahl, als weit, weit fortzugehen. Und das in dem Wissen, dass ihr Herz sich nie wieder davon erholen würde. Vielleicht wäre die Tat selbst auch schon genug, um ihr Herz dazu zu bringen, nicht länger zu schlagen. Welch eine Gnade das wäre. Wenn es das war, was Palter zu tun versucht hatte, dann empfand Hal nichts als tiefes Mitleid für ihn. Solange zumindest, bis sie an Frau Palters Blut auf dem Boden dachte. Ungeachtet seiner Absichten hatte Palter die Frau, die er liebte, verraten. Seine Stärke hatte nicht ausgereicht und seine Schwäche sie das Leben gekostet.

Als würden sie darauf antworten, wie sich Hals Gefühle wandelten, wandelten sich auch die Spuren des Katharers. Es wurde klar, wo seine Verwandlung stattgefunden hatte: Im einen Augenblick folgten Hal und Alena noch den Stiefelabdrücken eines Menschen, im nächsten schon den Tatzen einer Bestie. Sie hielten sich an den Weg, den der Lykanthrop genommen hatte, bis sie plötzlich an eine Kreuzung gelangten. Hal und Alena musterten die geteilte Spur zu ihren Füßen, die dank des Lichts des silbernen Mondes sichtbar war.

Nebenmond | Bild von Ryan Yee

Von dort aus, wo sie standen, war der Katharer Palter in zwei verschiedene Richtungen gegangen, zweifellos zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. Das erste Mal musste er den einen Weg eingeschlagen haben, und dann irgendwann – nahe oder fern jenes Kreuzungspunkts hier, doch das war schwer zu sagen – umgekehrt und in die andere Richtung gegangen sein.

„Nach Osten Richtung Gatztow oder nach Westen in den Wald“, sagte Alena. „Wie es scheint, hat unsere Bestie einen innerlichen Kampf ausgetragen.“

Hal nickte. Auch wenn sie ihre eigenen Gedanken nie laut ausgesprochen hatte, überraschte es sie nicht, dass Alena und sie zu demselben Schluss gekommen waren. „Also“, sagte Hal. „Wohin ist er zuerst gegangen? Wo ist er jetzt?“

„Hat ihn seine Gier in die Stadt getrieben, aus der er dann irgendwann geflohen ist?“ Alena blickte in den Wald hinein.

„Oder hat er versucht, der Gier zu widerstehen, nur um dann von seinen Gelüsten doch noch zurück in die Siedlung getrieben zu werden?“ Hal blickte in Richtung der Ortschaft.

„Wir müssen –“, setzte Alena an.

„In die Stadt gehen“, beendete Hal den Satz.

Sie rannten los.

Der Punkt, an dem die Spuren aus dem Ulvenwald herausführten, lag am Rand der Gemarkung des Hofes der Warins. Das war wenig überraschend. Lykanthropen kehrten für gewöhnlich gern zu Jagdgründen zurück, die sich in der Vergangenheit als beutereich erwiesen hatten. Doch Palter hatte in dieser Nacht noch nicht hier gefressen. Zumindest noch nicht. Der Beweis dafür war, dass die verbliebene Kuh der Warins auf der anderen Seite der Weide stand – mit dem Rücken zu den Spuren, die Hal im Mondlicht erkennen konnte. Sie waren genau so, wie Warins Weib sie beschrieben hatte: breit und gewunden, als wäre ein schwerer Körper durch das hohe Gras geschleift worden, immer und immer wieder im Kreis, was die Grashalme niedergedrückt hatte. Das arme Tier.

Hal ging die Spuren ab und verfolgte den Weg, den der Lykanthrop wahrscheinlich genommen hatte. Das war eigenartig für eine derart bestialische Kreatur. Warum hatte sie nicht einfach gefressen? Vielleicht hatte Palter selbst dann noch gegen seine Triebe angekämpft. Ein Bild dessen, wer der Katharer Palter war, begann sich, in ihrem Kopf zu formen. Er war ein guter Mann, ein freundlicher Mann, ein Mann der Kirche. Seine Absichten waren gut, wie es schien, selbst wenn er nicht bei Sinnen war.

„Ich habe seine Witterung ganz und gar verloren.“ Alenas Worte holten Hal in die Gegenwart zurück. Als sie sich Alena auf der Suche nach der Spur des Lykanthropen anschloss, erinnerte sie sich daran, dass Absichten ohne Taten nichts zählten. Alena und sie würden den Werwolf töten müssen.

„Ein Mord! Es hat einen Mord gegeben!“ Elsa Shorans Stimme hallte durch die Nacht. „Es ist der Glockenläuter! Ach, der arme Orwell ist tot!“

Dann begann die Glocke zu läuten. Erneut wurde das Seil zweifellos von Frau Elsa selbst gezogen.

Alena und Hal verschwendeten keine Zeit. Noch ehe Elsas Stimme verklungen war, huschten sie wie zwei Schatten durch die Nacht. In dunklen Alkoven verborgen näherten sie sich der Menge an Städtern, die sich um die Glocke versammelt hatte. Ebenso vorsichtiges wie lautloses Positionieren erlaubte es ihnen, durch das Gewimmel von Schultern und Hälsen hindurch die dunkle Blutlache am Boden zu Füßen des Glockenturms zu erkennen. Es war unverwechselbar das gleiche Muster. Dies war das Werk von Palter. Der Lykanthrop hatte erneut getötet.

Wie als Bestätigung von Hals Schlussfolgerung ertönte ein Heulen aus dem Ulvenwald. Ohne ein Wort eilten Alena und Hal in Richtung des Forsts. Bevor sie jedoch außer Sichtweite des Platzes waren, warf Hal einen Blick zurück über die Schulter. Etwas an dem Anblick nagte an ihren Gedanken. Nun jedoch blieb keine Zeit, um sich zu fragen, was genau es war. Sie wandte sich wieder den Bäumen zu. Sie waren auf der Jagd.

Nachdem sie über den Hof der Warins in den Forst zurückgekehrt waren, war es leicht, die großen wölfischen Spuren wiederzufinden. Sie folgten der Fährte über den Punkt hinaus, wo sie sich teilte. Dieses Mal gingen sie nach Westen, tiefer in den Wald hinein. Hal erkannte, wohin der Weg sie führte: zum Wall des alten Auerbrück, der verlorenen Hauptstadt. Ein Ort voller Geister und streunender Werwölfe. Vielleicht würden sie mehr Gegner zu Gesicht bekommen als nur den, den sie verfolgten. Im Laufen fasste Hal nach dem Heft ihres Lieblingsdolchs, bereit, ihren Wald zu verteidigen.

Wald | Bild von James Paick

Plötzlich hob Alena die Hand und blieb unvermittelt stehen. Hal stieß beinahe mit ihr zusammen, doch es gelang ihr, gerade noch rechtzeitig abzubremsen und den Blick auf das zu richten, was Alena zum Anhalten gebracht hatte. Dort vor ihnen auf dem Waldboden lag die Leiche des Glockenläuters. Orwell war totenbleich, die Haut welk durch das Fehlen von Blut in seinem Körper – einem Körper, der größtenteils unversehrt war. Es wirkte, als hätte man seine Gliedmaßen sorgfältig in ganz bestimmten Winkeln ausgestreckt. Und um ihn herum waren Unterholz und Gras niedergedrückt, als wäre etwas Schweres darüber hinweggeschleift worden.

Etwas stimmte hier nicht. Es sollte keine Leiche geben. Die Bestie hätte fressen sollen.

Hal und Alena schärften sämtliche Sinne, als sie den Ort des Geschehens abschritten – Alena an den Rändern und Hal den Schleifspuren folgend. Sie wusste es, noch ehe sie ihr Vorhaben beendet hatte. Die Form, das Aussehen der Biegungen: Diese Spuren bildeten das gleiche Muster wie die auf der Weide auf dem Hof der Warins. Das ergab keinen Sinn. War dies das Ergebnis irgendeines Rituals? War das Abgehen dieser einen Form etwas, was Palter tat, um den Drang zu unterdrücken, etwas verschlingen zu müssen? Mit was für einer Art von Lykanthrop hatten sie es hier zu tun?

Hal schaute zu Alena, um ebendiese Frage zu stellen, doch Alena starrte unverwandt auf einen Ort tiefer im Wald, der nur spärlich vom Mondlicht erhellt wurde. Hal folgte Alenas Blick, und dann sah sie sie auch: eine zweite Leiche. Als sie näherkamen, sahen sie, dass das Gleiche, was man dem Glockenläuter angetan hatte, auch Frau Evelin, der Talismanmacherin, widerfahren war: die Glieder ausgebreitet, das Gras niedergedrückt. Und gleich dahinter befand sich die Leiche der Ältesten Somlon. Und wieder: dasselbe Muster im Gras, dieselbe Anordnung von Armen und Beinen.

„Die Älteste Somlon hat sich um –“, setzte Hal an.

„Die Begräbnisriten gekümmert“, ergänzte Alena.

„Aber sie hat offenbar nie Gelegenheit dazu erhalten. Sieh nur.“ Hal deutete auf eine Einzelheit, die ihre Hand zittern ließ. Es war die Spitze der Bluse der Ältesten Somlon. Sie passte zu dem Stück Spitze, das im Zimmer der Palters zurückgelassen worden war. Und dort, am abgerissenen Ärmel, konnten sie jenen Riss sehen, wo der Fetzen, den sie gefunden hatten, passen würde.

„Wenn die Älteste Somlon das Opfer in der Schänke war“, sagte Alena.

„Wenn es ihr Blut war“, fügte Hal hinzu.

„Was ist dann mit Frau Palter?“

Erneut überkam Hal das unbehagliche Gefühl, und dieses Mal fuhr ihr das Kribbeln ohne Umschweife vom Rückgrat bis in den Schädel hinauf. Das Schaudern, das sie durchdrang, wurde von den Schwingungen jenes Heulens verstärkt, das in diesem Augenblick durch die Nacht wehte.

„Und was ist mit Palter?“, fragte Hal.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, das herauszufinden“, sagte Alena. Sie eilte in Richtung des Heulens davon. Hal folgte ihr.

Im Laufen bemerkte Hal, dass sie sich entlang einer anderen Spur bewegten. Sie passte ihre Richtung daran an. Es waren Stiefelabdrücke. Palters Stiefelabdrücke? Etwas fügte sich in ihren Gedanken zusammen.

„Was ist los, Hal?“ Selbst durch die Bäume hindurch und selbst im vollen Lauf hatte Alena die Veränderung an Hal bemerkt.

„Der Augenblick der Verwandlung.“ Hals Gedanken rasten wie ihre Beine, setzten die Lösung des Rätsels Stück für Stück zusammen und mühten sich, eine Antwort auf eine Frage zu finden, von der sie nicht wusste, wie sie sie stellen sollte. „Wenn es dort geschehen ist“, japste sie. „Im Wald –“

„Das ist es“, stieß Alena zwischen zwei Atemzügen hervor. „Wir beide haben die Beweise gesehen. Seine menschlichen Spuren und dann seine wölfischen.“

„Nein.“ Hal schüttelte den Kopf. „Wir haben Stiefelabdrücke gesehen. Und wir haben Pfotenabdrücke gesehen. Unabhängig voneinander.“

„Ja“, sagte Alena ungeduldig.

„Wenn sie von denselben Füßen verursacht wurden“, fuhr Hal fort, „wo sind dann die Stiefel?“

Alena verlangsamte ihr Vorpreschen, fast unmerklich zwar, doch Hal bemerkte es. Sie hatte die Aufmerksamkeit des Mädchens. Hal deutete auf den Boden zu ihren Füßen. „Und warum sehen wir hier erneut Stiefelabdrücke?“

Alena starrte im Laufen auf den Boden und nahm das Bild der Spuren in sich auf.

„Was wenn“, begann Hal, als sie fand, dass Alena genug Zeit gehabt hatte, die Teile selbst zusammenzusetzen.

„Es nicht Palter ist?“, brachte Alena die Frage zu Ende.

„Was, wenn der Lykanthrop –“ Frau Palters Name blieb an Hals Lippen hängen, denn in jenem Augenblick, als sie ihn aussprechen wollte, hatten sie einen Hügel erklommen, von dem aus sie eine kleine Lichtung überblicken konnten. Und auf dieser Lichtung war etwas, was wie ein behelfsmäßiger Altar aus verwittertem Stein aussah.

Bild von Andreas Rocha

Der Altar war uneben und schlecht verarbeitet. Auf ihm lag der gute Katharer Palter.

Hinter ihm stand, mit ins Gesicht gezogener Kapuze wie damals bei ihrer ersten Begegnung im Wald, Frau Palter. Sie hatte die Arme über dem Körper ihres Gatten erhoben und sprach eine Anrufung. Eine dämonische Anrufung. Hal erkannte die Silben und die kehligen Laute. „Ormendahl. Ormendahl! ORMENDAHL!“ Der Name war deutlich. Diese Frau war einen Pakt mit dem Grauen eingegangen.

„Bes, bitte.“ Hals Herz machte einen Sprung beim Klang der schwachen Stimme. Der gute Katharer Palter war noch am Leben!

„Sei still!“, fauchte seine Gattin. Sie zog eine Klinge.

Hal und Alena machten einen Satz vorwärts und rannten auf die kleine Lichtung zu. Frau Palter blickte beim Geräusch ihres Näherkommens auf, konnte aber nur noch einen raschen Blick auf ihre Gestalten erhaschen, ehe sie sie auch schon zu Boden warfen.

Obwohl ihr Leib zuckte und ihre Arme mit mehr Kraft, als Hal ihr es zugetraut hätte, wild um sich schlugen, gelang es ihnen, sie am Boden festzuhalten. Alena zog ihre eigene Klinge.

„Nein!“, rief Katharer Palter vom Altar aus. „Tut ihr nichts!“

Hal spähte zu ihm hinauf. „Sie hat versucht, Sie umzubringen.“

„Lasst sie gehen. Bitte. Sie weiß es nicht. Oh, sie weiß nicht, was sie tut.“

„Sie war es, nicht wahr?“, fragte Alena und drückte Frau Palter die Klinge an den Hals. „Sie hat sie getötet. Sie alle.“

Der Katharer leugnete es nicht.

„Das Blut in Ihrem Zimmer in der Schänke heute Morgen ... Das war das Blut der Ältesten Somlon, oder? Sie wussten, wozu sie fähig ist, als Sie Gaven verlassen und sie nach Gatztow gebracht haben. Sie haben versucht, sie in dem Schrank festzuhalten, aber die Riemen konnten das Böse, das Besitz von ihr ergriff, nicht binden.“ Alena sprach eine Wahrheit nach der anderen aus. „Und dann ist sie entkommen. Sie versuchte, auf dem Hof der Warins zu töten. Sie brachte ihre dämonischen Zeichen auf dem Boden auf, doch Sie haben sie aufgehalten. Danach verloren Sie jedoch die Kontrolle. Sie folgten ihr durch die Stadt, unfähig und unwillig, sie davon abzuhalten, ihre Opfer einzusammeln. Also brachten Sie sie hierher. Um die Opfer ebenso zu verbergen wie die Täterin. Eine nach der anderen haben Sie die Leichen bewegt. Drei Leichen, Palter. Sie hat drei Unschuldige getötet.“

„Es ist meine Schuld!“, klagte Katharer Palter. „Es ist alles meine Schuld. Das Mausoleum stand unter meinem Schutz. Was auch immer in jener Nacht daraus entkommen ist, ich hätte es aufhalten können.“

Hal bezweifelte dies stark. Den Namen des Dämons – Ormendahl – hörte sie nicht zum ersten Mal. Und den Geschichten nach zu urteilen, war er kein Dämon, den ein einzelner Mausoleumswächter, ganz gleich, wie gutherzig und wohlmeinend er auch sein mochte, allein hätte aufhalten können.

Bild von Min Yum

Zum dritten Mal in dieser Nacht empfand sie Mitgefühl für Palter. Doch dies war nicht genug, um auch nur in Erwägung zu ziehen, Frau Palter ziehen zu lassen. Sie war verloren. Das, was sich da unter Hals und Alenas Griff wand, war nicht mehr Frau Palter. Doch das hätte er niemals verstanden. Hal nickte Alena zu, die sich für den Gnadenstoß wappnete. Genau in jenem Augenblick indes fiel Palter, der sich wohl aufzurichten gedachte, vom Altar herunter, um schwer auf Hal und Alena zu landen.

Ihr gemeinsamer Griff lockerte sich gerade genug, damit die Verfluchte sich befreien konnte. Frau Palter sprang auf, und Hal spürte, wie sich Macht in den Gliedern dieser so zierlich scheinenden Person zusammenballte. Sie öffnete den Mund weit und brüllte Hal und Alena an. Das Geräusch ähnelte dem Heulen eines Werwolfs. Ein Gedanke packte Hal, als sie und Alena auf die Frau zustürzten. Was ist mit dem Werwolf? Die Teile dieses Mosaiks passten noch immer nicht zusammen. Die Spuren im Wald: Sie hatten deutliche Wolfsspuren gesehen. Die Kuh, die verschlungen worden war: Sie war richtiggehend aufgefressen worden, sodass nur die Knochen und die Zähne zurückgeblieben waren. Das war doch nicht das Werk von Frau Palter, oder?

Hals Überlegungen führten dazu, dass sie ein flinkes Ausweichmanöver von Frau Palter übersah, das sie leicht unterbunden hätte, hätte dem Handgemenge, in das sie verwickelt war, ihre volle Aufmerksamkeit gegolten. Frau Palter bewegte sich geschickter, als es ihr eigentlich hätte möglich sein sollen, und noch ehe Hal sich wieder gefangen hatte, entwischte die Dämonenpaktiererin aus ihrer Reichweite. In einer einzigen, fließenden Bewegung warf sie ihren Gatten um und stieß ihm ihre Klinge in die Brust.

Hal und Alena waren über ihr, bevor sie die Klinge herausziehen und erneut zustechen konnte, doch der Schaden war bereits angerichtet. Das schwächer werdende Gurgeln des guten Katharers bestätigte dies.

Es war beinahe unmöglich, Frau Palter daran zu hindern, wieder auf die Beine zu kommen. Jede ihrer Bewegungen waren durch ihren Dämonenpakt von einer derartigen Kraft erfüllt, dass es einiges an Mühe kostete, auch nur einen ihrer Arme am Boden festzuhalten. Doch Hal und Alena waren in Übung. Es ähnelte dem Ringen mit einem Monstrum aus dem Modergrab, und inzwischen schenkte Hal dieser körperlichen Auseinandersetzung tatsächlich vollste Aufmerksamkeit. Obwohl Frau Palter mit aller Kraft aufzustehen versuchte, gelang es ihr gerade, ihren Kopf zu heben. Und dabei rutschte ihr die Kapuze herunter. Das erste Mal, seit sie ihr im Forst begegnet waren, erblickten Hal und Alena ihr Gesicht. Es war durch die Macht des Dämons, die sie wieder und wieder durchflossen hatte, grauenhaft entstellt, und das wie geschmolzen wirkende Fleisch war derart entsetzlich, dass Hal aufschrie. Frau Palter lächelte. Dann begann sie mit einer neuen Anrufung. Das helle Blau ihrer Augen wurde zu einem dunklen, glitzernden Schwarz, das sich rasch über das Weiße ausbreitete. Hal schaute zu Alena, die ähnliche Mühe hatte, Frau Palter festzuhalten, wie sie selbst. Es gab nichts, was sie tun konnten, als die Verfluchte all die dämonische Macht zusammennahm, die sie heraufbeschworen hatte, und sie von sich stieß.

Hal wurde durch die Luft geschleudert, bis sie mit der Flanke gegen den Stamm eines dicken Baums prallte. Schmerz fuhr ihr durch die Schulter und eine Seite ihres Kopfs, als sie am Boden zusammenbrach.

Sie versuchte, sich aufzurappeln, ihre Glieder unter ihren Willen zu zwingen und ihren Blick dazu zu bringen, sich auf eines statt auf drei Bilder zu fixieren. Der Schmerz in ihrem Kopf glich einer Klinge, die durch ihren gesamten Körper getrieben worden war und sie am Boden festnagelte. Doch das konnte sie nicht zulassen. Das würde sie nicht zulassen. Denn vor sich sah sie, wie Alena unter einem Hieb nach dem anderen, mit dem Frau Psalter auf sie eindrosch, ihr Ende zu finden drohte. Zwar sprang Alena jedes Mal aus dem Weg, doch jenem Quell der Stärke, der endlos durch die Verfluchte hindurchfloss, war sie auf Dauer nicht gewachsen. Und dann griff Frau Palter nach ihrer Klinge.

„Nein!“ Hals Schrei war trotz der Verzweiflung, die ihn nährte, kaum zu hören. Sie kämpfte gegen die Schwäche in ihren Gliedern an und wuchtete sich auf die Beine. Doch sie war nicht schnell genug. Frau Palters Klinge stieß herab.

Hals erstickter Schrei wurde nie gehört, denn er wurde vom Knurren eines Lykanthropen übertönt. Frau Palters Klinge wurde aufgehalten und die Dämonenanbeterin durch einen einzelnen Schlag mit der Tatze des Wolfs von den Beinen geschleudert. Ihr Blut spritzte von den Zähnen und Klauen der riesigen Bestie in alle Richtungen.

Alena rollte aus dem Gemenge und sogleich war Hal an ihrer Seite. Gemeinsam stießen sie die Klingen in die tobende, blutige Gestalt der Frau.

Als der dämonische Fluch aus ihren leblosen Gliedern wich, erschlaffte ihr Leib und sank zu Boden. Hal und Alena standen Schulter an Schulter, Angesicht zu Angesicht mit einem riesigen, hechelnden Lykanthropen.

Ehe sie etwas tun oder auch nur einander ihre Absichten mitteilen konnten, erklang ein Knurren aus den Bäumen zu ihrer Linken. Und danach eines rechts von ihnen. Eines hinter ihnen, zwei voraus. Überall um sich herum sahen sie leuchtende gelbe Augen, in denen sich das Licht des silbernen Mondes widerspiegelte. Sie waren eingekreist. Wie viele mochten es sein? Ein Dutzend, vielleicht zwei.

Bild von Scott Murphy

Hal spürte, wie Alena sich anspannte. Das war nicht Alenas übliche feste und geerdete Haltung. Das Mädchen war vielmehr starr und stocksteif vor Grauen. Hal hob den blutigen Dolch und suchte den Blick des größten Lykanthropen. Es war derjenige, der vor ihr stand. Falls sie heute Nacht schon sterben sollten, dann nicht ohne einen Kampf.

Doch als sie sich zum Angriff bereit machte, wechselte der Lykanthrop die Gestalt. Es geschah so schnell, dass Hal es kaum bemerkte. Urplötzlich war die Bestie eine Menschenfrau mit harten Zügen und von edlem Wuchs. Der silberne Mond spiegelte sich auf ihrer bleichen Haut und glänzte auf den weißen Strähnen ihres langen Haars. Nie zuvor hatte Hal gesehen, wie sich ein Lykanthrop inmitten der Hitze eines Gefechts zurückverwandelt hatte. Nie. Das war unmöglich. Und dennoch war es gerade geschehen.

Einen Augenblick lang bewegte sich niemand. Dann hob Hal den Dolch und legte ihn sehr vorsichtig und stets den Blick der Frau erwidernd auf den Boden. Alena trat von einem Bein auf das andere und schaute Hal fragend an, tat es ihr jedoch gleich, nachdem sie ihre Zuversicht zur Kenntnis genommen hatte.

Hal glaubte, ein leichtes Nicken von der nackten Frau vor ihnen wahrgenommen zu haben, die sich gleich darauf zum Rest des Rudels umdrehte, das schwer, kampfbereit und hungrig hechelte. Die Frau schüttelte einmal kurz und bestimmt den Kopf. Ein Winseln erklang als Antwort – nur ein einziges –, und dann machte das Rudel kehrt und verschwand zwischen den Bäumen des Ulvenwaldes.

Hal und Alena waren allein mit der Frau, die gerade ihr Leben gerettet hatte.

Hal räusperte sich. Sie wollte sich bedanken, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen löste sie ihren Mantel und bot ihn der Frau an.

„Danke.“ Die Frau legte sich Hals Mantel um die Schultern.

„Wir danken dir“, sagte Hal, die endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte.

„Ich habe es nicht für euch getan. Ich habe sie verfolgt.“ Sie nickte in Frau Palters Richtung. „Und andere wie sie. Es gibt zu viele von ihnen in unseren Städten.“

„Dann waren das also deine Spuren“, sagte Alena. „Und du hast auch die Kuh gefressen.“

Die Frau schenkte Alena keine Beachtung. „Wäre es nicht mein Begehr gewesen, ihr elendes Leben zu beenden, hätte ich das eure nicht gerettet.“

Hal erschrak angesichts dieses Bekenntnisses.

„Aber da ihr nun noch am Leben seid“, fuhr die Frau fort, „sage ich euch dies: Ihr dürft niemanden mehr aus meinem Rudel töten.“

„Die Werwölfe?“, fragte Alena.

„Solltet ihr dem nicht nachkommen, werde ich gezwungen sein, gegen euch vorzugehen. Und dann werde ich eurem Leben ein Ende setzen.“ Die Art und Weise, wie sie das sagte, klang weniger wie eine Drohung, sondern vielmehr wie die Feststellung einer Tatsache.

Hal sträubte sich. „Dies ist unser Forst. Der Ulvenwald steht unter unserem Schutz.“

„Wir können keine Werwölfe in unserem Reich dulden“, fügte Alena hinzu.

„Dies obliegt nicht euch“, sagte die Frau. „Und es ist töricht zu glauben, nur ihr beide könntet die Wälder vor dem schützen, was kommen wird. Es ist töricht zu glauben, hier auch nur überleben zu können. Verlasst den Forst, kleine Jägerinnen. Überlasst ihn uns.“

„Das wird nie geschehen.“ Alena ballte die Hände zu Fäusten.

„Was wird kommen?“, fragte Hal ernst.

„Ich weiß es nicht.“

Alena schnaubte, doch Hal ließ sich nicht beirren. Diese Frau hatte etwas an sich, was Hal ihren Worten Glauben schenken ließ.

„Ich weiß es nichtgenau“, sagte die Frau. „Allerdings“, sie deutete auf den Altar und Frau Palter, „habe ich ebenso wie ihr genug gesehen, um zu wissen, dass das, was auch immer dort draußen ist, schlimmer ist als Werwölfe. Diese Welt wird uns bald brauchen. Sie wird den Klang unseres Heulens und die Kraft unseres Rudels willkommen heißen. Wir sind vielleicht die einzige Macht, die sich dem entgegenzustellen vermag, was uns bedroht.“

„Wir werden uns allem entgegenstellen, was den Ulvenwald bedroht“, sagte Alena. „Es gibt nichts, was wir fürchten.“

Die Frau seufzte. „Wenn ihr hierbleibt, werdet ihr sterben.“ Sie warf Hals Mantel von den Schultern. „Ihr habt heute Nacht nur überlebt, weil ich mich eingemischt habe. Nur wegen eines Werwolfs. Bedenkt das. Oder lasst es. Es liegt an euch. Doch wisset, dass ich euch rate zu gehen. Verlasst den Ulvenwald und haltet euch von ihm fern. Und betet, falls das etwas ist, was ihr zu tun pflegt.“

„Wir werden nicht ...“, setzte Alena an, aber die Frau hatte bereits wieder ihre Wolfsgestalt angenommen. Ihre Verwandlung war nicht wie die üblichen grausamen und alles verzerrenden Verwandlungen, die Hal sonst bei Lykanthropen beobachtet hatte. Diese Frau war kein gewöhnlicher Werwolf. Mit einem letzten Knurren wandte sie sich von ihnen ab und schlüpfte in die Bäume.

Hal und Alena blieben im gedämpften Mondlicht tief im dunklen Forst zurück. Ein weiteres Mal überkam Hal jenes unbehagliche Gefühl wie von Fingern, die ihr das Rückgrat hinauffuhren. Sie konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Das Gefühl wurde nicht durch die Lykanthropen verursacht, sondern von etwas vollkommen anderem – etwas, was Hal zurzeit weder kannte noch verstand.

Alena blickte sie an, bereit zum Loslaufen, doch Hal war sich noch nicht sicher, welche Richtung sie nun einschlagen sollten.


Arlinn Kord huschte durch die knorrigen Bäume. Diese törichten Menschen. Wie konnten sie nur so blind sein? Sie hoffte, sie würde nicht gezwungen sein, sie eines Tages zu töten. Sie waren stark und wild. Eigenschaften, die sie sehr schätzte. In einem anderen Leben hätte sie sich womöglich mit ihnen angefreundet. Doch dies war nicht jenes andere Leben. In diesem Leben, das sie führte, konnte Arlinn keine Freunde haben.

Bild von Winona Nelson

Schatten über Innistrad-Storyarchiv

Planeswalker-Profil: Arlinn Kord

Weltenbeschreibung: Innistrad

Latest Magic Story Articles

MAGIC STORY

21. Februar 2018

Rivalen von Ixalan – Alternative Enden zur Magic-Story by, R&D Narrative Team

Ihr habt gesprochen. Das Imperium der Sonne hat den Sieg davongetragen und die Herrschaft über Orazca übernommen! Aber: Wir waren auf den Sieg einer jeden Fraktion vorbereitet und die ve...

Learn More

MAGIC STORY

14. Februar 2018

Wie Schuppen von den Augen by, R&D Narrative Team

HUATLI, AUF KALADESH Beeindruckendes Panorama | Bild von Jonas De Ro Huatli konnte nicht aufhören zu lächeln. Sie tauchte in eine Stadt ein, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte. ...

Learn More

Artikel

Artikel

Magic Story Archive

Du willst mehr? Tauche ein in die Archive und lies tausende Artikel über Magic von deinen Lieblingsautoren.

See All

Wir verwenden auf dieser Seite Cookies, um Inhalte und Werbung zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien zu bieten und Datenverkehr zu analysieren. Wenn Sie auf JA klicken, stimmen Sie zu, dass wir Cookies verwenden. (Learn more about cookies)

No, I want to find out more