Episode 1: Der Unterricht beginnt

Veröffentlicht in Magic Story on 25. März 2021

Von Adana Washington

Adana Washington is a creative workaholic. More specifically, she is a writer, tarot reader, and aspiring game developer. She's the creator of the Kinetic Tarot Deck and the author of a few books.

In den schier endlosen Hallen des Biblioplexes, wo arkanes Wissen aus zahllosen Welten in Regalen aufgereiht war, die den Aufstieg und Fall ganzer Imperien gesehen hatten, schien es, als sei das einzige Geräusch auf ganz Arcavios dasKlicken von Absätzen auf Stein. Professor Onyx, wie man sie hier nannte, sog im Gehen tief den Duft alten Papiers und jenen vertrauten Ozongeruch ein, von dem Magie stets begleitet zu sein schien. Sie brauchte eine Pause von einer weiteren unerträglichen Besprechung. Trotz all des Lernens und aller Weisheit war dieser Ort von einigen wahrlich begriffsstutzigen Individuen bevölkert.

Professor Onyx
Professor Onyx | Bild von: Kieran Yanner

Ein Paradebeispiel: Ungeachtet ihres beachtlichen Ruhms im gesamten Multiversum hatten die anderen Professoren Liliana Vess nicht erkannt, als sie sich unter einem gänzlich anderen Namen vorgestellt hatte. Das hatte sie nicht überrascht. Die Schule war schon immer so gewesen, sogar als sie vor vielen Jahren selbst noch dort Studentin gewesen war. Stets waren die Lehrenden mit ihren eigenen kleinen Schwierigkeiten beschäftigt.

Das Gewicht all der Bücher, Folianten und Schriftrollen um sie herum hatte etwas sonderbar Beruhigendes. Es war, als hüllten sie den Ort in eine Art gedämpfter Stille. Sobald die Studenten eintrafen, würde es auf dem Campus nicht annähernd so ruhig zugehen, doch für den Augenblick verschaffte ihr das Wandern durch die Bücherstapel ein wohliges Gefühl von Abgeschiedenheit.

Irgendwo vor ihr raschelte etwas. Mit einen Anflug von Ärger stellte sich Liliana den stetig schwatzenden Codex vor. Wahrscheinlich würde er jeden Moment von irgendwoher auftauchen. Als sie um die nächste Ecke bog, war es jedoch nicht das magisch animierte Buch, das sie zwischen den Stapeln erblickte.

„Was machst du da?“, fragte sie.

Die Gestalt erstarrte mitten in der Bewegung, mit der sie nach einem weiteren Buch gegriffen hatte, um es auf den Stapel zu ihren Füßen zu legen.

Liliana trat vor. „Die Studenten treffen nicht vor –“

Die Worte erstarben, als sie einen Streifen purpurnen Lichts aus der Hand der Gestalt kommen sah. Das Licht streifte Lilianas Arm, und der Raum schien sich plötzlich aufzubäumen und zu schwanken, während sich ein Übelkeit erregendes Gefühl in ihrem Körper ausbreitete. Mit einer Geste reiner Willenskraft isolierte sie den Effekt des Zaubers und hob ihn dann auf. Das Werk eines Amateurs, ja – doch keine der fünf Fakultäten in Strixhaven lehrte diese Art von Magie.

„Na schön“, sagte sie, während ein wirbelnder Strom tödlicher Energien ihre Hand umspülte, als sie ihre eigene Magie heraufbeschwor. „Du bist nicht wegen des Sommerunterrichts hier, nehme ich an.“

Die Gestalt war maskiert, wie Liliana nun sehen konnte: Die Stelle, an der sich Augen befinden sollten, war nur von glattem, flachem Metall bedeckt. Natürlich hatte sie von den Oriq gehört. In der Schule wimmelte es nur so von Gerüchten über diese Geheimgesellschaft von Magiern – jenen, die von verbotener Macht und ebensolchen Zaubern besessen waren und sie um jeden Preis besitzen wollten. Allerdings hatte Liliana nicht damit gerechnet, einem von diesen Magiern derart bald zu begegnen. „Ich weiß, was du bist“, sagte sie.

Der Eindringling blickte den Gang hinunter und dann wieder zu Liliana. „Dann weißt du auch, dass deine Tage gezählt sind.“

„Professor Onyx?“, rief eine ihr vage bekannt vorkommende Stimme aus einem der Gänge in der Nähe. Liliana fuhr, die mit Magie aufgeladene Hand erhoben, in die Richtung herum, aus der die Stimme an ihr Ohr drang. Dekanin Shaile Krallenkrähe stand mit gerunzelter Stirn am Ende des Ganges. „Geht es Ihnen gut?“

Als Liliana sich wieder umdrehte, war der Eindringling verschwunden. Nur der Stapel aus Büchern und Schriftrollen am Boden kündete davon, dass es ihn je gegeben hatte.

Liliana sammelte sich und ließ die Magie verlöschen. Nun war nicht die Zeit, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Ja. Ich dachte, ich hätte etwas zwischen den Regalen gesehen. Sind die Lehrkräfte zum nächsten Tagesordnungspunkt übergegangen?“

Dekanin Krallenkrähe klackerte mit dem Schnabel. Ihre riesigen dunklen Augen füllten sich mit Ärger. „Dekan Nassari besteht darauf, die diesjährige Saison Magierturm zu verlängern.“

Liliana runzelte die Stirn, als sie ihren Arm dort berührte, wo der Zauber sie gestreift hatte. Als sie Dekanin Krallenkrähe zurück zur Halle der Orakel folgte, spähte sie zu den Büchern. „Zweifellos haben wir größere Probleme als Magierturm.“

„Wie wahr, wie wahr“, seufzte Dekanin Krallenkrähe. Liliana hörte kaum etwas von dem, was sie sagte.


In seinen Gemächern in Kylem starrte Will Kenrith hilflos auf die aufgetürmten Bücher auf seinem Bett. Er hatte versucht, sich zu entscheiden, welche davon er mitnehmen sollte. Zunächst hatte der Foliant über die Geschmolzene Prophezeiung wie die sicherste und beste Wahl gewirkt, doch dann hatte Will sich an seinen liebsten historischen Text erinnert: die Schriften von Thadus dem Heiler. Eine Stunde war seither vergangen, und er war der Entscheidung kein Stück näher gekommen. Er strich sich mit der Hand durch sein kurzes blondes Haar und sah sich im Zimmer um. Sein Blick blieb an der leuchtenden Karte in Eulenform auf dem Tisch vor ihm hängen, und er schüttelte den Kopf. Es war unmöglich zu sagen, wann sie wieder nach Kylem zurückkehren würden. Wenn überhaupt.

Will zuckte zusammen, als die Eingangstür geräuschvoll aufschwang und Rowan Kenrith hereinspazierte.

Wills Schwester war ebenso groß wie er, und goldenes Haar floss über den roten Umhang, den sie sich über die Schultern geworfen hatte. Sie runzelte die Stirn, als ihr Blick auf die Bücher fiel, die vor Will ausgebreitet waren. „Wie kannst du denn immer noch nicht fertig sein?“

„Gibmir einfach noch eine Minute“, sagte er. Die Geschmolzene Prophezeiung. Definitiv die Geschmolzene Prophezeiung.

Rowan nahm am anderen Ende des Zimmers die Einladung vom Tisch. Goldene Funken stoben davon auf, und die eulenförmige Karte leuchtete schwach in ihrer Hand. „Du hattest zwei Wochen Zeit, Will. Wir müssen los.“

„Es heißt, Strixhaven existiert seit Jahrhunderten. Ich bin mir sicher, es kann noch ein paar Minuten auf uns warten.“ Er blickte zum Stapel zurück. Wie sollte er es ohne die Schriften des Thadus schaffen? „Oder möglicherweise ein paar Stunden.“

Rowan stöhnte. „Wahrscheinlich wartet Kasmina jetzt schon auf uns.“

Will seufzte. Kasmina. Diese Frau hatte ihnen jede Menge darüber erzählt, was Strixhaven zu bieten hatte. Ihre Einladung war allerdings wie aus dem Nichts gekommen – nur wenige Tage, nachdem Garruk Will und Rowan für sicher genug hielt, um sie allein zu lassen. Die Geschwister hatten nicht viel Zeit mit Kasmina in Kylem verbracht, und dennoch sollten sie nun in eine vollkommen neue Welt reisen, nur weil sie es sagte? Will wandte sich wieder zu seinen Büchern um. „Ich bin mir sicher, es macht ihr nichts aus.“

„Wirgehen.“

„Ja, ich weiß. Heute noch, sicherlich. Ich muss nur –“

„Nein, Will.“ Rowan zerknüllte die Einladung in ihrer Hand. „Sofort.“

Will wollte etwas erwidern, doch Licht brach unvermittelt in den Raum ein und Ranken aus Schatten zogen sich durch die Luft. Er blinzelte, als sich das Phänomen ausweitete und seine Schwester umfing. Hinter ihr leuchtete ein strahlend blauer Himmel hinter einem Geflecht aus sattgrünen Blättern.

Rowan grinste und winkte, als sie in das Licht trat und verschwand.

Will biss die Zähne zusammen und wehrte sich gegen das Ziehen an seinem innersten Wesenskern. Doch die Verbindung zu seiner Schwester war zu stark. Bald hatten dieselben Ranken aus Licht und Schatten auch ihn umhüllt und tauchten sein Bett in ihr ätherisches Leuchten. Verzweifelt griff er nach den Memoiren von Thadus dem Heiler, ehe das Licht ihn auf eine neue Welt ziehen konnte. Das Licht und die Farben um ihn herum waren anders als alles in Kylem. Er wirbelte durch nichts und durch alles.

Das Erste, was Will dort, wohin Rowan sie auch immer gebracht hatte, hörte, war ein hohes Kreischen. Es rührte von einem Wirbel aus Federn und Schnäbeln her – ein Wirbel, der sich geradewegs auf ihn zubewegte. Will schrie auf und hob die Memoiren wie einen Schild. Der Vogel schwang sich kurz vor dem Aufprall höher in die Lüfte und kreiste in einem weiten Bogen über ihnen.

Sie befanden sich auf einer Lichtung, die von niedrig gewachsenen, freundlich aussehenden Bäumen umringt war. Am Rand stand eine vertraute Gestalt mit einem krummen Stab. Einen Augenblick später stieß der Vogel herab und landete auf der Schulter der Frau.

„Hallo, Will. Rowan.“ Ein Sonnenstrahl streifte sie und ließ ihr rotes Haar aufleuchten. Kasmina erlaubte sich ein leises Lächeln und nickte Will zu. „Wie ich sehe, habt ihr es beide geschafft. Und das gerade rechtzeitig. Der Unterricht beginnt bald.“

Will blickte sich um. Er sah nichts außer Wildnis. „Also ist, ähm, die Schule hier in der Nähe?“

„Ganz recht.“ Kasmina drehte sich um und trat zum Rand der Lichtung. „Gleich hinter dem Wald. Bald werden wir die erste Fackel sehen können.“

Die erste Fackel? Will fragte sich, was das wohl bedeuten sollte.

„Also wie ist es hier so?“, fragte Rowan, während sie sich von Wills Seite löste, um Kasmina zu folgen. „Sind da andere wie wir? Leute, die sich zwischen den Welten hin und her bewegen können?“

„Es ist ein sehr großer Campus“, sagte Kasmina. „Ich bin mir sicher, es gibt dort auch andere von anderen Welten. Kommst du, Will?“

Will biss die Zähne zusammen und marschierte dann hinter ihnen her.


Es gab, genau wie Kasmina gesagt hatte, eine Fackel. Was sie nicht erwähnt hatte, war, dass diese Fackel gewaltigwar – eher wie ein Turm. Die silberne Säule ragte hoch über die Bäume auf und stach in den strahlend blauen Himmel. Selbst vom Boden aus konnte Will die lodernde Flamme an der Spitze des Gebäudes erkennen, deren Licht mit dem der beiden Sonnen darüber wetteiferte. Als sie den Fuß des Turms erreicht hatten, strich Will mit einer Hand über das glatte Metall. „Wie sorgen sie dafür, dass das Ding nicht erlischt?“

„So wie bei den meisten Dingen auf Arcavios“, sagte Kasmina. „Durch Magie.“

Will blickte die Frau ärgerlich an. „Ist das hier deine Heimatwelt?“

„Ich bin zwar schon lange an der Universität, aber nein.“ Kasmina blickte zum Horizont. „Zur nächsten Fackel sollte es hier entlang gehen.“

Will blickte in die gleiche Richtung, doch alles, was er sah, waren grüne Felder, die sich vor ihnen erstreckten, nur durchbrochen von einem ausgetretenen Pfad.

„Falls es noch mehr Fackeln gibt, hast du noch später Zeit, um sie zu bewundern, Will. Komm weiter“, sagte Rowan und rannte vor.

„Sei vorsichtig, Rowan“, sagte Will. „Wir wissen nicht, wer oder was da draußen ist.“

„Eben!“, sagte sie lachend.

Sie gingen einige Meilen, bevor sie die nächste Fackel erreichten. Will fragte sich, wie viele von ihnen wohl auf dieser Welt verstreut waren – und über welchen anderen, seltsamen Ländern sie aufragen mochten.

„Die Sturmbringer-Texte waren wesentlich ausführlicher“, sagte Kasmina beiläufig.

Will starrte Kasmina an. Er runzelte die Stirn und folgte dann ihrem Blick zu dem Buch an seiner Seite. Er ließ die Hand darüber gleiten. Der abgewetzte Buchdeckel verlieh ihm ein Gefühl von Sicherheit. „Von denen habe ich noch nie gehört.“

„Nun, du kannst sie jederzeit im Biblioplex lesen. Sobald wir Strixhaven erreicht haben.“

„Im was?“, fragte Rowan.

„Im Biblioplex“, wiederholte Kasmina. „Heimat der umfassendsten Sammlung an Wissen über Magie auf jeder Welt und überall sonst.“

„Oh“, sagte Rowan und machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Mehr Bücher. Wen kümmert das schon?“

„Machst du Witze?“, rief Will aus. „Wir können alles lernen, was wir wollen! Alles! Wir müssen uns sputen!“

Rowan verdrehte die Augen. „Wer muss jetzt vorsichtig sein, hm? Hast du nicht gesagt, da draußen könnte es Ungeheuer geben?“

„Meine Eule würde mich vor jeder sich nähernden Gefahr warnen“, sagte Kasmina. „Keiner von euch hat irgendetwas zu fürchten.“

Will sah zu dem Vogel, der mit den Flügeln flatterte, als sich das Licht der Sonnen in seinen runden Augen spiegelte. Mit einer zögerlichen Bewegung wandte das Tier den Kopf, um ihn unverwandt in den Blick zu nehmen. Will runzelte die Stirn. „Was ist los mit ihr?“

Kasmina blickte voraus. „Nichts. Allerdings kommt sie etwas in die Jahre.“

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, während Will der Eule und ihrer Besitzerin ab und an verstohlene Blicke zuwarf. Der Vogel schien jedoch stets zu wissen, wenn er angesehen wurde, und starrte geradewegs zurück, bis Will nicht anders konnte, als den Blick abzuwenden. Im Gehen bemerkte er die sich wandelnde Landschaft. Er konnte nun einige rötlichgraue Berge in der Ferne ausmachen.

Schließlich brach Kasmina das Schweigen, als sie an einer weiteren Fackel vorbeikamen. „Willkommen in Strixhaven.“

Als die drei die Bergkuppe überschritten, wäre Will bei dem Anblick, der sich ihm bot, beinahe über die eigenen Füße gestolpert. Der Campus erstreckte sich bis zum Horizont, ein verwinkeltes Gewirr aus strahlenden Türmen und flachen Dächern. Ein gewaltiger Torbogen aus gezackten Steinen schwebte über dem, was das Zentrum der Lehranstalt sein musste. Das glatte, flache Ende eines jeden Steins war auf den Boden gerichtet, als hätte eine riesige Klinge die Unterseite abgeschnitten.

Will trat an Rowans Seite. „Das ist …“,

„Größer als unser Schloss“, sagte Rowan verhalten.

So konnte man es auch ausdrücken. Die Ausmaße Strixhavens waren größer als alle fünf Schlösser auf Eldraine zusammen. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Gebäude über alle anderen. Sonnenlicht glitzerte auf seinen spitzen Bögen, während über den kleineren Gebäuden große Kugeln schwebten.

„Das ist der Biblioplex“, sagte Kasmina, die neben ihnen anhielt. Will nickte abwesend und ließ den Blick noch immer sprachlos über den Campus schweifen.

Rowan stieß ein kurzes Lachen aus und riss ihn aus seiner Schwelgerei. „Das wird toll.“

Will folgte seiner Schwester lächelnd zu den Toren. Sie waren gewaltig genug, um nahe zu erscheinen, obgleich sie sicher noch eine weitere Stunde laufen mussten, um sie zu erreichen.

Er hatte erst einige Schritte gemacht, als er plötzlich bemerkte, dass Kasmina ihnen nicht folgte. Er und Rowan drehten sich um und blickten neugierig zurück. „Kommst du nicht mit?“

Bild von: Brian Valeza

„O nein“, sagte Kasmina und schüttelte den Kopf. Sie blickte zu ihrer Eule, die losflatterte und auf den Biblioplex zuflog. „Ich habe mich um andere Angelegenheiten zu kümmern. Sucht nach einer Eulin namens Marvinda Scharfschnabel. Sie wird euch dabei helfen, euch zurechtzufinden.“

„Oh.“ Rowan räusperte sich. „Also, na ja, dann mal danke.“

Will verbeugte sich. „Was meine Schwester sagt. Danke, dass du uns hierhergebracht hast.“

„Es gibt keinen Grund für derlei Formalitäten“, sagte Kasmina lächelnd. „Ich habe das sehr gern getan.“

Will richtete sich auf und betrachtete die Frau ein weiteres Mal, bevor er sich zu seiner Schwester gesellte. „Rowan“, flüsterte er. „Was glaubst du, was eine Eulin ist?“


Auf dem Campus jenseits der Tore herrschte geschäftiges Treiben. Überall eilten Leute über die breiten steinernen Wege Strixhavens. Einige der jüngeren Schüler trugen identische Uniformen, deren graue Umhänge im Gehen hinter ihnen herflatterten. Die Älteren hatten individuellere Kleidung angelegt und bewegten sich in festen Gruppen aus Farben.

Rote und blaue Rüschen und Krausen bildeten einen scharfen Kontrast zu den Kanten und Wirbeln der schwarzen und weißen Umhänge und Gamaschen. Grüne und schwarze Überwürfe und schwere Stiefel erschienen wie das genaue Gegenteil zu eleganten, schmal geschnittenen roten und weißen Westen und hohen Kragen. Will drehte sich einmal um die eigene Achse und nahm das Kaleidoskop aus umherwirbelnden Farben und Formen in sich auf.

„Sie ist seltsam, oder?“, fragte Rowan abwesend. Sie wirkte nicht annähernd so überwältigt von dem Spektakel um sie herum. Wenn überhaupt, wirkte sie gedankenverloren.

„Wer?“

„Kasmina. Sie und ihre Eule.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber das spielt jetzt wohl keine Rolle mehr. Immerhin hat sie uns hierhergebracht.“

Ehe Will etwas erwidern konnte, erklangen Rufe von irgendwo tiefer im Inneren des Campus. Augenblicklich stürmte Rowan in Richtung der Stimmen davon.

„He!“, rief Will und rannte ihr nach. „Warte!“

Sie rannten um eine Ecke, nur um vor dem Eingang zu einem kleineren Hof schlitternd zum Stehen zu kommen. Drinnen sah eine Menge zu, wie zwei Gruppen von Schülern Zauber über ein grasiges Feld schleuderten. Pfeile aus Licht und Farben zischten und wirbelten durch die Luft und verfehlten nur knapp ihre Ziele. Ein Zauber traf ein Mädchen in Rot und Blau, und es begann zu schweben. Hilflos trat es um sich und wedelte mit den Armen. Aus der Menge erklangen Gelächter und Applaus.

Will starrte entsetzt. „Ich dachte, das hier soll eine Schule sein. Das ist –“

„Brillant!“, fiel ihm Rowan grinsend ins Wort. Sie zupfte eine Schülerin, die in der Nähe stand, am Ärmel – eine junge, in Schwarz und Grün gekleidete Dryade. „Wer gewinnt?“

„Bislang scheinen die Prismari vorn zu liegen“, sagte die Schülerin. „Aber an deren Stelle würde ich nicht zu siegessicher sein. Diese Silberkiele können ziemlich fies werden.“

„Blutrünstige Schlachten mitten auf dem Campus?“, spie Will aus.

Die Dryade runzelte die Stirn. „Das ist nur ein Duell. Niemand wird wirklich verletzt. Zumindest nicht allzu schwer.“

„Na gut, das reicht“, sagte Will und versuchte, entschlossen zu klingen. „Rowan, komm schon. Wir müssen mit … na ja, irgendjemandem von der Verwaltung sprechen. Vielleicht einem Schulmeister. Wir müssen uns für Kurse einschreiben, und bestimmt brauchen wir Bücher und –“

Rowan schenkte ihm keinerlei Beachtung und machte einen Schritt nach vorn. Auf dem Feld hatte ein Student den Blick auf einen der in Rot und Blau gekleideten Prismari geheftet. Er hatte die Hände erhoben und bewegte die Lippen, während er mit tiefem, konzentriertem Tonfall sprach. Zwischen seinen Fingern begannen sich Wirbel aus schwarzer Tinte zu bilden.

„Pass auf!“, rief Rowan. Sie sandte einen Blitzstoß in Richtung des Schülers, der den Tintenzauber vorbereitete. Er schrie auf, als er getroffen wurde, und die schwarze Tinte, die er heraufbeschwor, verteilte sich überall auf seiner Uniform. Mehr Gelächter und Applaus aus der Menge. Der Prismari-Schüler drehte sich um und blickte Rowan überrascht an. „Danke!“

Rowan grinste und setzte zu einer Erwiderung an, und bevor Will sie warnen konnte, riss ein Wirbel aus lebender Tinte sie von den Füßen. Sie landete auf dem Rücken und hustete, als ihr einen Augenblick lang die Luft aus den Lungen wich, und sie blickte auf, um zu sehen, wer sie getroffen hatte: ein Schüler in schwarzen und weißen Roben, genau wie von jenem, den sie mit ihrem Blitz erwischt hatte. „Halt dich da raus, Erstklässlerin“, zischte der Schüler.

Die Luft um Rowan knallte und zischte vor Elektrizität, als sie einen weiteren Zauber heraufbeschwor. „Willst du das noch mal versuchen?“

Weiter hinten am Rand lehnte sich die Dryade zu Will hinüber. „Also das ist deine Schwester?“

„Ich fürchte ja“, sagte er und schnitt eine Grimasse. Er hatte sich auf Ruhe und aufs Lernen gefreut – doch bislang war das hier genauso schlimm wie Kylem.

„Wie es aussieht, hat sie sich schon ihr Haus ausgesucht.“

Das stimmte. Rowan stand nun auf der Seite der Prismari und schleuderte Funken in Richtung der anderen. Zögerlich trat Will aufs Feld und bahnte sich seinen Weg durch den Kampf, während er hin und her zischenden Flammenstößen und Lichtpfeilen auswich. Als er seine Schwester endlich erreicht hatte, griff er nach ihrem Arm. „Rowan, das ist nicht unser Streit. Lass uns gehen.“

Sie lachte nur. „Will, wenn du es nur versuchen würdest, könntest du auch ein bisschen Spaß haben.“

„Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben, Rowan! Wir sind hier, um bessere Zauberer zu werden!“

„Tritt zur Seite, Erstklässler!“, rief jemand hinter ihm. Er drehte sich gerade rechtzeitig um, um von einer Tintenkugel auf der Brust getroffen zu werden. Sie zerplatzte und schleuderte ihn in Rowan hinein. Gemeinsam rappelten sie sich auf, husteten und Will blickte entsetzt an sich herab: Seine Ausgabe der Memoiren des Thadus, die er in seinem Beutel gehabt hatte, war herausgefallen und triefte vor schwarze Tinte. Er wusste sofort, dass sie ruiniert war. „Na schön“, knurrte Will und biss die Zähne zusammen. „Vielleicht ist das unser Streit.“

Rowan half ihm auf die Füße. „Erinnerst du dich noch an die Partie gegen Vitrus und Gorm?“

Will nickte und sammelte die Energien, um Zauber zu wirken. Sofort kühlte sich die Luft um ihn herum um mehrere Grad ab. Er atmete aus, und Nebel bildete sich. „Packen wir’s an.“

Rowan drehte sich um und hob die Hand, um eine Kugel aus Blitzen herbeizurufen, die knarzte und zischte, wuchs und sich dabei nach oben wand.

Will zählte, während er eine Bö aus kaltem Wind und Eis aussandte, damit sie sich um Rowans Blitze legte. „EinszweiDREI!“

Will und Rowan bewegten sich im Gleichtakt, und ihre Magie verband sich, während sie auf die anderen Schüler zuraste. Deren überhebliches Grinsen war ihnen ein wenig vergangen – doch bevor der Zauber die Silberkiele treffen konnte, gleißten Rowans Blitze zuckend auf durchschnitten die Bänder von Wills Eismagie. Will runzelte die Stirn, doch für eine Anpassung war es zu spät. Immerhin war Rowans Angriff stark. Er durchdrang den Schild aus Licht, den eine ältere Silberkiel-Schülerin errichtet hatte, und ließ diese taumelnd zurückweichen.

Rowan neben ihm jauchzte, doch die Freude währte nur kurz. Gleich darauf wirbelte sie wieder herum und fegte die Stachel eines weiteren Magiers mit einer Peitsche aus Blitzen beiseite.

Will starrte auf die Stelle, an der ihre vereinte Magie – verwobene Zauber, die ihnen sonst stets gelungen waren – keine Wirkung gezeigt hatte. Irgendetwas stimmte nicht.


Liliana stand außerhalb des Biblioplexes und sah der farbenfrohen Parade aus Schülern zu, die an ihr vorüberzog. Fast konnte sie das Gewicht ihrer alten Blütenwelk-Uniform spüren und zupfte abwesend am Kragen ihres Professorenumhangs.

Gegenüber spazierte Dekan Nassari durch die Türen des Biblioplexes, Dekanin Lisette schritt nebenher. Liliana holte die Dekane ein.

„Professor Onyx.“ Dekanin Lisette nickte ihr grüßend zu. „Wie geht es mit Ihren Kursen voran?“

„Ganz hervorragend“, sagte Liliana. „Obwohl ich einige verstörende Gerüchte von den Schülern gehört habe.“

Dekan Nassari lachte. Von einem Efreet war das ein seltsames Geräusch – wie Wasser, das über Kristalle strömte. „Nun, junge Geister neigen dazu, ausgefeilte Geschichten zu ersinnen. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen. Das zeugt von einer lebendigen Vorstellungskraft und all das.“

Liliana zwang sich zu einem Lächeln und versuchte, ihren Plauderton beizubehalten. „Sofern sie sich nicht auch verkleiden und kostümiert durch die Gänge schleichen, würde ich doch sagen, dass diese Sache etwas mehr ist als nur argloses Spielen.“

„Schleichen?“ Dekanin Lisette hob eine Augenbraue. „Und Sie haben einen dieser Leute gesehen?“

Sie hielt inne. Wie sollte sie darauf antworten? „Ich sah einen maskierten Fremden auf dem Campus. Ob es jedoch einer dieser Oriq war

„Schon wieder dieses Wort. Es klingt immer so ernst. Wir wissen nun wirklich nicht, ob diese Gerüchte mehr sind als ein harmloser Streich“, sagte Dekanin Lisette.

Die Magie, die der maskierte Fremde Liliana entgegengeschleudert hatte, war weit von einem Schülerstreich entfernt gewesen. „Auf jeden Fall sollten wir sie nicht unterschätzen. Die anderen Dekane und Professoren sollten gewarnt werden. Sicherlich verfügt die Schule über eine Art Verteidigung, die wir einsetzen können.“

„Sie meinen etwas anderes als Alibou?“, schnaubte Dekan Nassari. „Ich bin mir sicher, dass er liebend gern zur Abwechslung etwas zu tun bekäme. Vielleicht legt er dann endlich seinen Groll gegen mich ab.“

„Ich dachte an etwas mehr als einen einzigen Golem.“

„Selbst wenn diese Wie-auch-immer-sie-heißen-mögen eine Gefahr darstellen: Unsere Schüler sind wohl kaum hilflose Lämmer“, sagte Lisette. „Sie sind in der Lage, sich zu verteidigen.“

„Aber wer beschützt sie vor sich selbst?“, fragte Nassari und deutete auf einen Hof in der Nähe. Liliana konnte irregehende Zauber in den Himmel fahren sehen, während Jubel und Rufen die Luft erfüllten. Ein weiteres Duell. Lisette seufzte, während Nassari lachte. „Sehen Sie? Bei diesem Talent glaube ich nicht, dass sie irgendetwas von den Oriq zu befürchten haben.“

„Dekan Nassari“, begann Liliana. „Wir sollten wirklich –“

„Schön, schön.“

Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung, um den Tumult zu beenden. Nassari schickte einen breiten Schwall Wasser durch die Menge, der die Prismari zusammentrieb. Ranken und Wurzeln schossen auf Dekanin Lisettes Befehl hin aus dem Boden, zerrten die Kinder voneinander weg und banden ihnen die Hände, bevor sie noch weitere Magie entfesseln konnten.

Ein Junge folgte einem blonden Mädchen maulend vom Feld. „Das hier ist nicht Kylem, Rowan.“

Liliana runzelte die Stirn, während ihr Blick über die Kleidung der beiden streifte. Sie trugen keine Uniform, und von ihren Gürteln hingen Schwerter. Das kurze Haar des Jungen war ebenso hell wie das des Mädchens, und ihre Augen und Nasen glichen einander.

Kylem, hatte der Knabe gesagt. Liliane kannte einen Ort mit diesem Namen – doch er befand sich nicht auf Arcavios.

Das Mädchen blickte finster drein. „Das weiß ich, Will. Aber dies hier ist auch nicht Eldraine. Und du hast mir nicht zu sagen, was ich tun und lassen soll.“

„Können wir bitte einfach gehen? Bevor wir in Schwierigkeiten geraten?“

Liliana sah zu, wie die Zwillinge an ihr vorübergingen. Ihr Blick traf kurz den des Jungen. Er warf ihr ein nervöses Lächeln zu und eilte dann, seine Schwester im Schlepptau, weiter.

Das waren sicherlich keine Agenten der Oriq. Doch wenn sie Planeswalker waren, konnten sie womöglich noch nützlich sein, falls – sobald, verbesserte sie sich – irgendwelcher Unbill Strixhaven ereilte.


Will bestaunte die Wände in den Schülerunterkünften, die von filigranen, sanft leuchtenden Linien überzogen waren. Als er die Hand austreckte und eine von ihnen mit den Fingerspitzen nachzog, spürte er das Kribbeln von Magie.

„Hier ist es“, sagte Rowan am Ende des Ganges. Sie winkte Will zu sich herüber, bevor sie die Tür aufstieß.

Will ging nach ihr hindurch und nahm die massiven Mauern und das Glasfenster in sich auf. Sonnenlicht strömte herein und erfüllte den Raum mit einem warmen Leuchten. Auf jeder Seite des Zimmers stand ein Bett, jedes ordentlich gemacht mit grauen Decken, die mit sich kreuzenden goldenen Linien verziert waren. An der Wand hinter der Tür hingen zwei Uniformen auf Bügeln. Darunter standen passende Schuhe auf dem Boden.

Rowan ließ sich auf das Bett nahe der Tür fallen. „Das ist hübsch. Viel besser als die Steine, die sie in Kylem Betten nennen.“

Will kicherte, als er seine Bücher auf dem anderen Bett ablegte. Er setzte sich, ließ sich in die weiche Matratze sinken und fuhr mit den Fingern über die glitzernden Stickereien. Es waren die gleichen Linien, die sich auch über die Steinwände zogen. In den Ecken fanden sich geschnitzte Symbole: Steinerne Flammen und Bäume und Sterne reihten sich an der Decke aneinander. Sein Blick blieb an den Flammen haften, die ihn an das unerbittliche Duell draußen erinnerten. Er sah auf seine Hände hinunter. „Kam dir der Zauber, den wir zusammen gewirkt haben, irgendwieanders vor?“

Rowan linste vom anderen Bett aus zu ihm herüber. „Wie meinst du das?“

„Ich weiß nicht genau. Es war einfach nicht das Gleiche wie in Kylem.“

„Na ja, wir sind ja auch nicht in Kylem, weißt du noch?“ Rowan zuckte mit den Schultern und pflanzte die Füße auf die Decke. „Und außerdem hat er ja geklappt, oder? Wo also ist das Problem?“

Will schüttelte den Kopf. „Ja, er hat geklappt, aberes hätte irgendwie glatter laufen sollen. Zusammenhängender. Wir haben Dutzende Male gemeinsam Zauber gewirkt, doch dieses Mal war es, als wollte unsere Magie nicht zusammenarbeiten. Ich frage mich, ob ich im Biblioplex ein paar Antworten finde.“

„Na wenn du meinst. Viel Spaß beim Bücherwälzen“, sagte Rowan. Sie rappelte sich auf und machte sich auf den Weg Richtung Tür.

„Das geht nicht nur mich etwas an, Rowan“, protestierte Will. „Was, wenn unsere Anwesenheit auf dieser Welt unsere Magie beeinflusst?“

„Mit meiner Magie war alles in Ordnung.“

„Nein, war es nicht.“ Will trat einen Schritt auf seine Schwester zu. „Aber hier können wir herausfinden, warum das so ist. Du hast Kasmina gehört: Dies ist die umfangsreichste Sammlung magischen Wissens im ganzen Multiversum! Wir sind nicht hier, um uns in irgendeine dumme Schulfehde hineinziehen zu lassen.“

Rowan verdrehte die Augen. „Ach, wirklich? Und weshalb sind wir hier?“

„Um zu lernen. Um stärker zu werden. Um uns das Wissen und die Weisheit Strixhavens zunutze zu machen.“ Will ließ die Hände sinken. „Wir könnten all dieses Wissen zurück nach Eldraine tragen und unseren Leuten helfen.“

Rowan schüttelte nur den Kopf. „Deshalb bist du hier, Will. Aber ich bin nicht du. Wir mögen Zwillinge sein, aber ich habe das Recht, mein eigenes Leben zu leben.“

„Natürlich hast du das.“ Will seufzte. „So habe ich das nicht gemeint.“

Einen Augenblick später drehte sich Rowan um und ging. Will schnappte sich seine Bücher und eilte ihr nach. Als Rowan jedoch weiter den Gang entlanglief, verlangsamten sich seine Schritte. Vielleicht musste er auf eigene Faust Antworten finden.


Bild von: Piotr Dura

Auf einer Bank am Rand eines malerischen Campushofs sah Kasmina zu, wie ihre Eule von den Wohnheimen zurückkehrte. In Gedanken konnte sie noch immer die Zwillinge sehen, obgleich ihr Abbild von den Vogelaugen ein wenig verzerrt wurde. Strixhaven würde ihnen beide eine Menge Türen öffnen. Sie musste nur sehen, durch welche davon sie hindurchgehen würden.

Etwas versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und Kasmina schloss die Augen. Statt mit Dunkelheit füllte sich ihr Verstand jedoch mit Rot.

Eine weitere ihrer Eulen schwebte irgendwo über einer steinigen Wüste. Unter ihr hatte eine Bewegung ihren Blick auf sich gezogen.

Ein Mann kletterte über die Felsen. Die Rot- und Brauntöne seiner Kleidung ließen ihn fast mit der Landschaft verschmelzen. Neben ihm hüpfte ein fuchsähnliches Wesen behände die Formation hinauf, nur um unvermittelt innezuhalten und eine abwehrende Haltung einzunehmen.

Da war ein Luftzug, als mehrere Gestalten aus den Schatten glitten und aus unmöglichen Richtungen aus den Tafelbergen heraustraten. Sie trugen dunkle Kleidung und dort, wo ihre Gesichter sein sollten, befanden sich metallene Masken. Ein kränkliches, purpurnes Licht verdichtete sich in ihren erhobenen Händen, die allesamt auf den Mann mit dem Fuchsding zeigten. Langsam hob er die Hände, um sich zu ergeben.

Kasmina sandte einen geistigen Befehl aus, und ihre Eule beobachtete die Magier weiter, wie sie dem Mann die Arme fesselten und ihn zu einem klaffenden Höhleneingang zerrten, der ein Stück voraus auf sie wartete.


Lukka ächzte, als die Magier ihn in die Höhle schubsten. Mila streifte ihm mit gebleckten Zähnen und aufgerichtetem Nackenfell um die Beine. Stumm versuchte er, sie über ihre Verbindung zu erreichen und sie zu beruhigen. Wenn sie angriff, würden die Magier ihn für einen Feind halten. Zwar war er sich sicher, dass er den Kampf gewinnen würde, doch deswegen war er nicht hier. Mila blickte zu ihm auf und verfiel dann langsam wieder in ruhigere Wachsamkeit. Sie hielt mit Lukka Schritt und trat vorsichtig über alte, schimmelige Bücher, die aus den schlichten Stapeln an den Wänden ragten.

Die Magier führten ihn in eine größere Kammer. Stalagmiten und Stalaktiten stießen wie gezackte Zähne durch den Raum, dessen Decke in Schatten gehüllt war. Lukka stolperte über einen losen Stein und ließ einige Kiesel den Anhang hinter ihnen herabregnen.

„Leise“, zischte einer der maskierten Magier ihm zu. Er schubste Luka an der Schulter vorwärts. „Geh weiter.“

Lukka holte tief Luft und versuchte, seinen eigenen Ärger zu unterdrücken. Dann bewegte sich einer der Stalagmiten.

Zuerst dachte Lukka, es wäre nur Einbildung, weil die Dunkelheit seinem Verstand einen Streich spielte. Dann streckte Lukka die Sinne aus und erstarrte. Das kieselartige, zerklüftete Gebilde über ihm war kein Stein – vielmehr schien es eine Art Hülle zu sein. Langsam entfaltete sich das, was auch immer es war, und streckte lange, dürre Beine in die Dunkelheit. Hinter ihm regte sich ein weitere Stalaktit und gab dabei ein tiefes, keckerndes Geräusch von sich. Sie waren umzingelt.

„Geh. Weiter“, sagte der maskierte Magier.

Sie bahnten sich ihren Weg durch die Höhle, und jeder über den Boden davonhüpfende Stein ließ ihre Blicke nach oben fahren. Lukka versuchte sich vorzustellen, wie die Kreaturen wohl aussehen mochten, wenn sie wach waren. Der Gedanke, sich einer von ihnen leibhaftig zu stellen, brachte Erinnerungen an jene zahllosen kriechenden Albträume zurück, die in dem Höhlensystemen unter Ikoria lauerten. Der Schrecken wurde allerdings von einer eigenartigen Vertrautheit begleitet: Er hatte das untrügliche Gefühl, dieser Art Kreatur schon einmal begegnet zu sein.

Die Magier ließen Lukka ruckartig anhalten und zwangen ihn auf die Knie. Mila wandte sich zur anderen Seite der Höhle und duckte sich mit einem tiefen Grollen. Lukka sah zu ihr hinunter. „He. Ruhig.“

Das Knirschen von Knochen durchbrach die Stille. Schritte näherten sich, und aus den Schatten trat eine hagere Gestalt. Um die lange, beinahe vogelartige Maske, die ihr Gesicht verbarg, rankten sich Ströme dunkler, funkelnder Energie.

Lukka versuchte, seinen eigenen Gesichtsausdruck so ungerührt wie nur möglich erscheinen zu lassen, als der Mann sich einer der Kreaturen, die von der Decke hingen, näherte, innehielt und ihren Panzer liebkoste. „Willkommen auf Arcavios, Lukka von Ikoria.“

„Du weißt, wer ich bin?“

„Ich weiß vieles. Vieles, was ich dich lehren könnte.“ Der maskierte Mann trat von der Kreatur zurück und auf Lukka zu. „Und im Gegenzug, so glaube ich, gibt es Dinge, die du für mich tun könntest.“

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